Kein Krieg in
Troja
Der Trojanische
Krieg findet nicht statt

Jean Giraudoux
29.10.1882 - Paris
31.1.1944
La guerre de Troie n'aura pas lieu 1935
Andromache Der
trojanische Krieg wird nicht stattfinden,
Kassandra!
Kassandra Wetten
wir, Andromache?
Andromache Ja,
wenn Hektor nicht wäre … Doch er naht,
Kassandra. .. Siegreich kehrt er soeben in die
Stadt zurück. Ich denke: Der hat noch ein Wort
zu sagen! Vor drei Monaten, als er auszog, schwur
er mir: „Dieser Krieg ist der letzte!“
Kassandra Er
ist der letzte gewesen. Der nächste steht vor
der Tür.
Andromache Bist
du es nicht müde, immer nur Furchtbares zu
schauen,
Furchtbares vorauszusehen?
Kassandra Ich
sehe nichts, Andromache! Ich sehe auch nichts
voraus.
Ich ziehe nur die Dummheit in Betracht, die
der
Menschen und die der Elemente.
Andromache Warum
sollte es zum Krieg kommen? Paris macht sich
auch
nichts mehr aus Helena. Und Helena macht sich nichts
mehr
aus Paris.
Kassandra Hast
du je erlebt, dass sich das Schicksal an negative
Redensarten
kehrt?
Andromache Schicksal? Was ist das eigentlich?
Kassandra Stelle dir einen Tiger vor! – Einen
Tiger, der schläft.
Andromache Lass ihn schlafen.
Kassandra Nichts lieber. Es sind aber die Schlagworte, die ihn
aus seinem Schlummer
reißen. Von ihnen erdröhnt Troja
seit
einiger Zeit.
Andromache Wovon,
sagst du?
Kassandra Von
Phrasen, die behaupten, dass die Führung der Welt
Den
Menschen im Allgemeinen und den Trojanern und
Trojanerinnen
im Besonderen zukommt…
Andromache Ich
verstehe Dich nicht.
Kassandra Hektor,
sagst du, zieht zur Stunde in Troja ein?
Andromache Ja,
zur Stunde kehrt Hektor zu seiner Frau zurück.
Wie
kannst du an einem solchen Tag von Krieg reden?
Glück
senkt sich auf die Welt herab!
Kassandra Ein
richtiger Schneefall.
Andromache Und
Schönheit! … Sieh nur die Sonne … Sie den
Reiter
einer Vorhut, wie er sich vom Pferd beugt…
Um
das Kätzchen dort auf der Burgzinne zu streicheln
…
Vielleicht ist dies heute auch der erste Tag des
Friedens
zwischen den Menschen und den Tieren.
Kassandra Du
sprichst zu viel. Das Schicksal ist voll Unrast,
Andromache.
Andromache Ach,
die ist nur in den Mädchen, die ohne Gatten sind.
Ich
glaube Dir nicht.
Kassandra Hektor,
mit Ruhm bedeckt, kehrt zur angebeteten Gattin
Heim
… Hektor reckt sich und streckt sich … Ja! Heute
Besteht
eine Aussicht, dass der Friede sich der Welt
Bemächtigt
… Schon gelüstet es ihn … und Andromache
Wird
einen Sohn gebären! Und die Kürassiere beugen sich
von
ihren Pferden herab, um die Kater zu streicheln, die
auf
den Wällen schweifen … Da rückt es heran, das
Schicksal.
Andromache Schweig!
Kassandra Lautlos
schleicht es die Stufen des Palastes hinauf.
Stößt
mit den Nüstern die Türen auf! … Da ist es …
Es
ist da! …
Hektor (hinter der Bühne) Andromache!
Andromache Du
lügst! … Es ist Hektor!
Kassandra Wer
hat Dir etwas anderes gesagt?
Andromache Hektor!
Hektor Andromache!
… Wird es ein Sohn sein? Eine Tochter?
Zehn
gegen eins, dass es ein Sohn ist … Nach jedem Krieg
Kommen
mehr Knaben als Mädchen auf die Welt.
Andromache Und
vor einem Krieg?
Hektor Nichts
mehr von Kriegen! Nichts mehr von Krieg! Eben
Ist
er vorbei! Er hat dir den
Vater, den Bruder genommen.
Aber den Gatten
zurückgebracht.
Andromache Nur
weil es dein Sohn ist, liebe ich ihn. Und weil er
Von
dir ist, weil er du ist – zittere ich! Du ahnst
Nicht,
wie ähnlich er dir sieht. In dem Nichts, das
ihn
noch birgt, besitzt er schon alles, was du in unser
Zusammensein
legtest. Er ist zärtlich, wie du es bist.
Schweigsam
wie du. Wenn du den Krieg liebst, wird er
Ihn
lieben … Liebst du den Krieg?
Hektor Was
soll diese Frage?
Andromache Gesteh
… es gibt Tage, da du ihn liebst.
Hektor Wenn
man lieben kann, was uns von Hoffnung, Glück,
von
den teuersten Menschen trennt…
Andromache Du
sagst es … Man liebt ihn doch!
Hektor Wenn
man sich davon verführen lässt, dass die Götter
Einen
im Augenblick des Kampfes ein wenig ihre Rolle
Spielen
lassen …
Andromache Ah!
Du fühlst dich als ein Gott im Augenblick der Schlacht?
Hektor Sehr
oft weniger als ein Mensch… Aber an manchen
Morgen
erhebt man sich so leicht, so neu, so verwandelt
von
der Erde. Der Körper, die Waffen haben ein anderes
Gewicht.
Als wären sie aus anderen Elementen gemischt.
Man
ist verwundbar. Es ist die Vielfältigkeit des
Gefühls,
wie sie nur das Schlachtfeld kenn: man
Ist
zärtlich, weil man unbarmherzig ist. Man vermeidet,
einen
Käfer zu zertreten. Man verjagt
die Fliege,
ohne sie zu erschlagen. Niemals achtet der Mensch das
Leben,
das ihm so begegnet, höher.
Andromache Jetzt
aber stürmt der Feind heran?
Hektor Der Feind kommt heran: schäumend,
furchtbar. Mitleid
Regt sich. Denn hinter
dem Geifer und den wilden Augen
Erkennt man die ganze
Ohnmacht und Aufopferung des
Armen Erdenwurms, der er
ist: Man liebt ihn. … aber
Er greift unerbittlich
an … da tötet man ihn.
Andromache Und wie ein Gott beugt man sich über den
armen Leichnam.
Aber man ist kein Gott,
der Tote wird nicht mehr lebendig.
Hektor Sich über ihn beugen? Nein! Denn
schon warten andere.
Auch mit Schaum vor dem
Mund und Augen, die von Hass
Sprühen. Andere, die
Frau und Kinder haben.
Andromache Und man tötet sie?
Hektor Es ist Krieg.
Andromache Alle tötet man? –
Hektor Dieses
Mal haben wir sie alle getötet. Vorsätzlich. Weil
Das
Volk, dem sie angehörten, wirklich das Volk des
Krieges
war. Weil durch dieses Volk allein der Krieg
Bestand
hatte und in Asien sich verbreitete. Ein einziger
Ist
entkommen.
Andromache In
tausend Jahren werden alle Männer Söhne dieses
Einen
sein… Vergebliche Rettung. Mein Sohn wird
Den
Krieg lieben, weil du ihn liebst.
Hektor Ich
glaube eher, dass ich ihn hasse … Da ich ihn
Nicht
mehr liebe.
Andromache Wieso
kann man aufhören zu lieben, was man angebetet
hat?
Hektor Siehst
du, es geht wie mit einem Freund, der sich als
Lügner
entpuppt. Von da an klingt alles falsch, was
Er
sagt, selbst wenn er die Wahrheit spricht.
Andromache Und
diesmal – hat dir der Krieg falsch geklungen?
Hektor Warum? Ist es das Alter? Oder
einfach die Müdigkeit
Des Berufes? Früher schienen mir die Menschen, denen
ich
ans Leben ging, immer als das Gegenteil von mir selbst
zu
sein. Diesmal aber kniete ich vor einem Spiegel.
Im
Begriff zu morden, beging ich eine Art Selbstmord!
Ich
fuhr fort. Aber von dieser Minute an bestand nichts
Mehr
von jener ehemaligen Harmonie. Die Lanze, die
An
meinen Schild schlug, gab plötzlich einen schrillen
Klang…
Der Krieg übrigens hat erraten, dass ich plötzlich
seinen
wahren Sinn verstand. Er ließ die Maske
fallen…
Die Schreie der Sterbenden klangen falsch,
auch
sie.
Andromache Und
für die anderen war es kein Missklang?
Hektor Den
anderen ging es wie mir. Die Armee, die ich zurückbringe
hasst
den Krieg.
Andromache Eine
Armee, die falsch hört.
Hektor O
nein. Du machst dir keine Vorstellung, wie plötzlich
-
es ist kaum
eine Stunde her – ihr alles wieder richtig
klang beim Anblick Trojas. Es ist die einzig
würdige Aufgabe
einer Armee: Die Heimat mit Frieden zu überziehen.
Andromache Hast
du denn nicht begriffen, dass dies die ärgste Lüge
war?
Hektor! In Troja gebietet der Krieg. Er ist es, der
euch
an den Toren empfangen hat. Er ist es , der mich
fassungslos
in deine Arme wirft, und nicht die Liebe.
Hektor Was
erzählst du da?
Andromache Weißt
Du denn nicht, dass Paris Helena entführt hat?
Hektor Man
hat es mir eben erzählt…
Andromache …
und dass die Griechen sie zurückfordern. Dass ihr
Abgesandter
heute kommt? Und dass – wenn Helena nicht
mit
ihm ziehen darf – Krieg sein wird?
Hektor Weshalb
sollte man sie nicht zurückgeben? Ich selbst werde es tun.
Andromache Niemals
wird Paris einwilligen.
Hektor Das
werden wir ja sehen. Geh zu Priamos. Frag ihn, ob
er
mich gleich vorlassen kann. Und ängstige dich nicht.
Alle
Trojaner, die Kriege geführt haben und Krieg führen
können,
wollen ihn nicht.
Kassandra Hier
ist Paris
Hektor Meine
Glückwünsche, Paris, Du hast ja die Zeit unserer
Abwesenheit
vortrefflich genützt.
Paris Nicht
übel. Danke.
Hektor Was
für eine Geschichte mit Helena ist das also?
Paris Helena
ist sehr nett. Nicht wahr, Kassandra?
Kassandra Recht
nett.
Paris Recht
nett? Warum bist du heute so kühl? Gestern noch
hast
du gesagt, dass sie sehr hübsch ist.
Kassandra Sie
ist sehr hübsch und recht nett.
Paris Gleicht
sie nicht einer anmutigen kleinen Gazelle?
Kassandra Nein.
Paris Du
selbst hast mir gesagt, dass sie einer Gazelle gleicht.
Kassandra Ich
habe mich geirrt. Inzwischen habe ich nämlich eine
Gazelle
gesehen.
Hektor Ihr
langweilt mich mit euren Gazellen… Gleicht sie
denn
so wenig einer Frau.
Paris Oh!
Der hiesige Frauentyp ist sie freilich nicht.
Kassandra Welches
ist denn der hiesige Frauentyp?
Paris Der
deine, liebe Schwester. Ein Typ mit schrecklich
wenig
Distanz.
Kassandra Hält
deine Griechin Distanz in der Liebe?
Paris Du
weißt genau, was ich meine. Ich habe genug von den
asiatischen
Frauen. Ihre Umarmungen kleben; ihre Küsse
sind
Einbrüche, ihre Worte ebenso viele Schluckbewegungen,
um
uns zu verschlingen. … kurz und gut: man ist ihnen
entsetzlich
nahe … Helena aber – auch in meinen Armen
ist
Helena weit von mir!
Hektor Sehr
interessant! Aber glaubst du, dass es sich lohnt,
einen
Krieg zu führen, damit Paris auf Distanz seine
Liebesspiele
treibt?
Kassandra Auf
Distanz? Paris liebt unnahbare Frauen, aber so nah wie
möglich.
Hektor Wie
war die Entführung? Willig? Oder mit Gewalt?
Paris Aber
Hektor! Du kennst doch die Frauen ebenso gut wie
ich.
Sie willigen nur ein, wenn man Gewalt braucht.
Aber
dann mit Begeisterung.
Hektor Geschah
es zu Pferd? Und unter Zurücklassung von Pferdemist
vor
ihren Fenstern? Du weißt, das ist das Kennzeichen
der
Verführer.
Paris Soll
das ein Verhör sein?
Hektor Es
ist ein Verhör. Versuche doch einmal, präzise Antworten
zu
geben. Du hast also weder dem ehelichen Bett noch der
griechischen
Erde Schimpf angetan?
Paris Nein.
Ein wenig allerdings dem griechischen Meer. Sie war
im
Begriff zu baden. Menelaos stand nackt am Ufer. Er war
damit
beschäftigt, seine große Zehe von einer Krabbe zu
befreien.
Er hat meinem Boot nachgeblickt, als ob der
Wind
ihm seine Gewänder entführte.
Hektor Mit
wütender Miene?
Paris Die
Miene eines Königs, den eine Krabbe zwickt, ist nie
freudestrahlend
gewesen.
Hektor Andere
Zuschauer gab es keine?
Paris Meine
Matrosen.
Hektor Vortrefflich!
Paris Warum
vortrefflich? Was willst Du damit sagen?
Hektor Ich
sage: vortrefflich, weil du nicht verübt hast, was nicht
gutzumachen
wäre. Das Meer hat sie ein bisschen verschluckt,
und
nach einigen Monaten taucht sie wieder auf, mit dem
unschuldigsten
Gesicht.
Kassandra Für
das Gesicht garantieren wir.
Paris Was?
Du glaubst, dass ich Helena Menelaos zurück bringen
werde?
Hektor So
viel verlangen wir nicht einmal von dir. Und er
auch
nicht … Das besorgt schon der griechische Abgesandte.
Heute
Abend wirst du Helena dem Gesandten übergeben.
Paris Du
scheinst dir von der Ungeheuerlichkeit, die du
verlangst,
keine Rechenschaft zu geben! Wie? Ein Mann,
der
einer Nacht mit Helena entgegensieht, sollte darauf
verzichten?
Kassandra Es
bleibt dir doch ein Nachmittag mit Helena. Sehr griechisch!
Hektor Du
wirst nachgeben. Wir kennen dich. Es ist nicht die
erste
Trennung die du hinnimmst.
Paris Du
hast hier nicht zu befehlen.
Hektor Ich
bin dein älterer Bruder. Und der zukünftige Herr!
Paris Dann
befiehl in der Zukunft. Gegenwärtig folge ich dem
Gebot
meines Vaters!
Hektor Mehr
fordere ich nicht. Bist du einverstanden, dass wir
uns
dem Urteil des Priamos unterwerfen?
Paris Vollkommen
einverstanden.
Hektor Du
schwörst? Wir schwören?
Kassandra Vorsicht,
Hektor! Priamos ist vernarrt in Helena. Eher
würde
er seine Tochter ausliefern.
Hektor Was
erzählst du da?
Paris Die
Wahrheit! Weil sie endlich einmal die Gegenwart und
nicht
die Zukunft verkündet.
Kassandra Und
alle unsere Brüder und alle unsere Onkel und alle unsere
Urgroßonkel…
Helena besitzt eine Ehrengarde, in der alle
Mummelgreise
beisammen sind. Sieh hin. Es ist die Stunde
ihres
Spazierganges… Siehst du dort auf den Zinnen die
vielen
weißen Bärte?... Wie Störche, die auf den
Festungswällen
herumstolzieren.
Hektor Ein
schöner Anblick: weiße Bärte! Rote Gesichter.
Jetzt
bücken sie sich wie Störche, wenn eine Ratte vorüberflitzt!
Kassandra Es
ist Helena, die vorübergeht…
Paris Ah,
ja…
Kassandra Sie
steht auf der zweiten Terrasse. Sie bindet ihre
Sandale
fest. Und achtet wohl dabei, ihr Bein recht
hoch
zu heben.
Hektor Unerhört!
Trojas Greise drängen sich, um sie von dort
oben
anzuschauen.
Kassandra Nein.
Die Schlauesten schauen von unten.
Rufe hinter der Kulisse Es lebe die Schönheit!
Hektor Was
rufen sie?
Paris Es
lebe die Schönheit!
Rufe hinter der Kulisse Es lebe Aphrodite!
Hektor Was
hat Aphrodite damit zu tun?
Kassandra Sie
bilden sich ein, dass Aphrodite es ist, die uns Helena
geschenkt
hat! Um Paris dafür zu belohnen, dass er ihr
auf
den ersten Blick den Apfel darbot.
Hektor Das
war auch ein schöner Streich von dir!
Paris Immerzu
musst Du den Erstgeborenen spielen!
Priamos Was
hast Du mir zu sagen?
Hektor Ich
sage, Vater, dass wir in aller Eile die Pforte des
Krieges
schließen, sie verriegeln, sie verrammeln müssen.
Priamos Blick
hinab… (Hektor folgt dem Befehl).
Siehst du sie?
Hektor Eine
junge Frau, die ihre Sandale fester bindet.
Kassandra Etwas
lange braucht sie dazu.
Paris Ich
habe sie ohne Garderobe entführt. Die
Sandalen
sind von dir. Deshalb sind sie etwas zu groß.
Hektor Ich
sehe zwei reizende Schenkel.
Hekabe Er sieht, was ihr alle seht.
Priamos Du
armes Kind!
Hektor Wie?
Demokos Priamos sagt: „Du armes Kind“.
Priamos Ja. Ich wusste nicht, dass es mit Trojas Jugend so weit
gekommen
ist.
Hektor Wie
weit denn?
Priamos So
weit, dass sie der Schönheit gegenüber blind ist!
Demokos Und infolgedessen auch von Liebe
nichts weiß. Sie
sind Realisten geworden.
Wir Dichter nennen das:
Realismus.
Hektor Schönheit
ist nicht so selten, Vater. Ich will nichts
gegen
Helena sagen. Aber Schönheit ist eine alltägliche
Sache.
Priamos Das
glaubst du selbst nicht, Hektor. Du wirst beim Anblick einer
Frau
doch schon gefühlt haben, dass sie nicht nur sie selbst
war,
sondern dass eine ganze Flut von Gedanken und Gefühlen
sich
in ihren Leib ergossen hat, der nun von ihrem Glanze
überströmt.
Hektor Vater,
meine Kameraden und ich kehren erschöpft zurück.
Wir
haben unseren Kontinent auf immer befriedet. Jetzt
aber
wollen wir endlich glücklich leben. Wir verlangen,
dass uns unsere Frauen
lieben können, ohne ewig zu bangen.
Und dass sie ihre Kinder
haben können.
Sag
mir, warum wir Troja auf den Kopf gestellt sehen, nur
weil
Helena darin weilt? Sag mir, was für Vorteile sie uns
beschert,
die einen Streit mit den Griechen wert sein könnten.
Demokos Hektor,
ich bin ein Dichter, und mein Urteil ist das Urteil
eines
Dichters. Stelle dir einmal vor, unser Wortschatz wäre
zu
arm, um der Schönheit eine Unterkunft zu bieten. Nimm an,
das
Wort „Wonne“ gäbe es nicht!
Hektor Dann
würden wir darauf verzichten. Für meinen Teil habe ich
es
längst getan. Ich gebrauche das Wort „Wonne“ nur, wenn
ich
gar nicht anders kann.
Demokos Wahrscheinlich
würdest du auch auf das Wort „Wollust“ verzichten.
Hektor Wenn
dieses Wort nur um den Preis eines Krieges zu haben
wäre
– ja!
Demokos Das
schönste Word, das Wort „Mut“, hast Du um den Preis
des
Krieges erkauft.
Hektor Es
war ein hoher Preis.
Hekabe Bei
dieser Gelegenheit ist offenbar auch das Wort „Feigheit“
entstanden.
Priamos Mein
Sohn! Warum tust du dir Gewalt an, um uns nicht
zu
verstehen.
Hektor Ich
verstehe euch sehr gut. Durch Verdrehung und
Verfälschung
der Wahrheit – unter dem Vorwand, dass
wir
uns für die „Schönheit“ schlagen, wollt ihr, dass
wir
es einer Frau wegen tun.
Priamos Und
für gar keine Frau würdest du in den Krieg ziehen?
Hektor Vielleicht
wenn es eine einzige Frau auf der Welt gäbe.
Aber die Ziffer ist weit
überschritten.
Demokos Um
dir Andromache zurück zu gewinnen, würdest du nicht
Krieg
führen?
Andromache Vater, ich beschwöre sie, wenn sie
so viel Freundschaft
für
uns Frauen fühlen, so hören sie, was alle Frauen
der
Welt ihnen durch meinen Mund verkünden. Lasst uns
unsere
Männer hier, so wie sie sind. Die Götter sorgen
schon
dafür, dass sie ihren Scharfsinn, ihre Behändigkeit
üben
müssen. Die Elemente!
Die Tiere! Die großen Raubvögel,
die
uns umkreisen, die Hasen, deren Fell wir
Frauen
nicht vom Heidekraut unterscheiden können –
sind
eine bessere Gewähr für die scharfen Augen
unserer
Gatten als die Zielscheibe, die ihnen das Herz
des
gepanzerten Feindes bietet. Jedes mal, wenn ich ihn einen
Hirschen
oder einen Adler erlegen sah, wusste ich ihm
Dank.
Denn er starb für Hektor. Warum soll ich Hektors
Leben
anderen Männern verdanken.
Priamos Das
will ich ja gar nicht, mein Liebling. Aber wisst ihr,
warum
ihr so schöne, so mutige Frauen seid? Weil eure
Gatten,
eure Väter und eure Ahnen Krieger waren. Wenn
sie
ihr Handwerk lässig betrieben hätten; wenn sie nicht
erkannt
hätten, dass eine so öde und blöde Beschäftigung
wie
das Leben plötzlich Berechtigung findet und durch die
Verachtung,
welche die Männer für sie empfinden, sich verklärt,
dann
würdet ihr feig sein und den Krieg fordern.
Es
gibt nur einen Weg, sich auf Erden unsterblich
zu
fühlen: zu vergessen, dass man sterblich ist…
Andromache Aber
sie wissen doch, Vater dass es die Mutigen sind, die
im
Kriege fallen. Um nicht zu fallen, muss man entweder
viel
Glück haben oder äußerst schlau sein. Man muss
wenigstens
einmal vor der Gefahr den Kopf gebeugt haben
oder
einmal demütig in die Knie vor ihr gesunken sein.
Die
Soldaten, die durch Triumphbögen defilieren, das
sind
die, die vor dem Tod desertiert sind. Wieso kann
ein
Land an Ehre und Kraft gewinnen, wenn es beide
einbüßt?
Priamos Tochter,
die erste feige Handlung ist die erste Runzel
im
Antlitz eines Volkes.
Andromache Was
aber ist die ärgere Feigheit? Dem anderen gegenüber
feig
zu erscheinen und den Frieden zu sichern? Oder feig
gegen
sich selbst zu sein und den Krieg heraufzubeschwören?
Demokos Feig
nenne ich es, wenn man nicht den Tod für das
Vaterland
jeder anderen Todesart vorzieht.
Hekabe Auf
diese poetische Floskel habe ich gewartet. Die lässt
sich
der Dichter nicht entgehen!
Andromache Man
stirbt immer für sein Vaterland. Würdig, tätig, weise
sein
Dasein verbringen, heißt auch für sein Vaterland
sterben.
Die Gefallenen ruhen nicht
friedlich unter der
Erde, Priamos. Sie gehen
nicht in ihr auf. Sie werden
nicht zur Scholle, nicht
zu ihren Säften. Sooft man
unter der Erde auf ein
menschliches Skelett stößt,
immer liegt ein Schwert
daneben. Es ist ein Knochen der
Erde, ein unfruchtbarer
Knochen. Es ist ein Krieger!
Hekabe Oder
dann sollen nur die Greise Krieger sein. Jedes Land
ist
das Land der Jugend. Es stirbt, wenn seine Jugend stirbt.
Demokos Das
Streben nach Ruhm hat mich nicht verlassen, Hekabe.
Hekabe Gewiss
nicht. So wenig wie der Rheumatismus…
Hektor Und
du hörst das alles an, Paris, ohne nur ein Wort
zu
sagen? Und es fällt dir nicht ein, ein Liebesabenteuer
zu
opfern, um uns Jahre des Haders und Gemetzels zu
ersparen?
Paris Was
soll ich dazu sagen? Mein Fall ist international.
Hekor Liebst
du Helena wirklich?
Kassandra Sie
sind beide bereits zum Symbol der Liebe geworden.
Sie
brauchen sich gar nicht mehr zu lieben.
Paris Ich
bete Helena an!
Kassandra Da kommt Helena!
Hektor Falls
ich Helena überrede, sich einzuschiffen, willigst
du
dann ein?
Paris Ja,
ich willige ein.
Demokos Jedes mal, wenn Helena erscheint,
entflammt sich mein Geist!
Ich phantasiere, ich
tobe, und plötzlich improvisiere ich!
Himmel, da ist sie…
Schöne Helena,
Helena von Sparta!
Deren Busen sich
rundet so zart!
Deren Antlitz so
edel strahlt,
Bewahren uns die
Götter, dass du entschwändest!
Und zu Menelaos
wieder fändest!
Hektor Hör doch auf. Hämmere uns deine
Reime nicht wie krumme
Nägel in den Kopf!
Paris Geliebte
Helena! Das ist Hektor! Er hat einiges mit dir
vor.
Pläne ganz einfacher Art. Er will dich den Griechen
zurückgeben
und dir beweisen, dass du mich nicht liebst!
…
Sag mir wahr und offen, bevor ich dich und ihn alleinlasse…
Sag
es mir, wie es ist.
Helena Ich
bete dich an, Liebster.
Paris Sag
mir, dass sie schön war, die Welle, die dich von
Griechenland
fort trug.
Helena Wunderschön!
Es war eine herrliche Welle! …
…
wo hast du eine Welle gesehen?... Das Meer war glatt…
Paris Sag
mir, dass du Menelaos hasst!
Helena Menelaos?
Ich hasse ihn!
Paris Weiter!
… Wiederhole: Ich werde niemals nach Griechenland
zurückkehren.
Helena Du
wirst niemals nach Griechenland zurückkehren.
Paris Aber
nein! Es ist doch von dir die Rede.
Helena Natürlich!
Wie dumm von mir! … Niemals werde ich
nach
Griechenland zurückkehren.
Paris Sie
hat es freiwillig gesagt! Und jetzt ist die
Reihe
an dir. (geht ab)
Hektor Wie
ist Griechenland? Schön?
Helena Paris
hat es schön gefunden.
Hektor Ich
frage, ob Griechenland schön ist ohne Helena?
Helena Danke für Helena.
Hektor Wie
sieht es eigentlich dort aus, seitdem so viel davon
die
Rede ist?
Helena Es
gibt sehr viele Könige, viele Ziegen und viel Marmor.
Hektor Wenn
die Könige vergoldet sind und die Ziegen
Angoraziegen,
muss das bei Sonnenaufgang ein hübscher
Anblick
sein.
Helena Ich
stehe spät auf.
Hektor Und
Götter … Gibt es die auch in Mengen? Paris erzählt,
dass
der Himmel von ihnen bevölkert ist … dass die Beine
der
Göttinnen herunterbaumeln.
Helena Paris
stolziert immer mit der Nase in der Luft! Kann sein,
dass
er sie gesehen hat.
Hektor Und
Helena nicht?
Helena Ich
bin nicht begabt. Ich konnte nie einen Fisch im Meer
unterscheiden.
Wenn ich wieder nach Griechenland zurückkehren
werde,
will ich besser Acht geben.
Hektor Eben
haben sie Paris gesagt, dass sie nie mehr zurückkehren
werden.
Helena Weil
er mich gebeten hat, es zu sagen. Ich folge Paris
für
mein Leben gern.
Hektor Ich
verstehe. Es ist wie mit Menelaos? Sie hassen ihn nicht?
Helena Warum
sollte ich ihn hassen?
Hektor Aus
dem einzigen Grund, der wirklich hassen lehrt. Sie
haben
ihn zu viel gesehen.
Helena Menelaos?
Oh! Nein! Eigentlich habe ich Menelaos
nie
wirklich gesehen. Was man „Sehen“ nennt.
Im
Gegenteil.
Hektor Ihren
Gatten?
Helena Unter
den Menschen und Dingen sind einige, die farbig
für
mich sind. Diese sehe ich; an sie glaube ich.
Menelaos
habe ich nie recht wahrgenommen.
Hektor Er
muss ihnen aber doch sehr nahe gekommen sein?
Helena Ich
mag ihn berührt haben. Aber ich kann nicht behaupten,
dass
ich ihn gesehen habe.
Hektor Man
sagt, dass er sie keinen Augenblick allein ließ.
Helena Gewiss.
Wahrscheinlich habe ich ihn sehr oft übersehen.
Hektor Paris
dagegen, der war für sie sehr sichtbar?
Helena Er
zeichnete sich am Himmel und auf der Erde ab wie
ausgeschnitten!
Hektor Sind
sie überzeugt, dass Paris sie liebt?
Helena Ich
weiß über die Gefühle anderer Menschen nicht gerne
Bescheid.
Nichts, was einen mehr hemmt. Wie beim Spiel,
wenn
man in die Karten des Gegners sieht. Da verliert
man
immer.
Hektor Und
sie? Lieben Sie ihn?
Helena Ich
liebe es auch nicht, über meine eigenen Gefühle
Bescheid
zu wissen.
Hektor Aber
– aber! … Wenn Sie sich Paris hingeben und er in
Ihren
Armen einschlummert, wenn Sie noch ganz von Paris
umfangen,
von Paris beglückt sind, denken Sie da gar nicht…
Helena Meine
Rolle ist dann ausgespielt. Ich lasse das Weltall
für
mich denken. Es versteht das besser als ich!
Hektor Kassandra!
Kassandra!
Kassandra Was
ist los?
Hektor Ich muss wirklich lachen. Immer
sind es die Wahrsagerinnen
die Fragen stellen.
Kassandra Was
willst du?
Hektor Kassandra,
heut Abend verlässt uns Helena mit
dem
griechischen Abgesandten.
Helena Ich?
Was fällt ihnen ein?
Hektor Sie
haben mir soeben gesagt, dass sie Paris nicht
besonders
lieben.
Helena Sie
legen meine Worte willkürlich aus. Übrigens:
Wie
sie wollen!
Hektor Also
können sie doch nicht einen Augenblick schwanken,
ob
Sie nach Griechenland zurückkehren wollen – was
ihnen
gar nicht missfällt – oder ob sie der Anlass einer
so
furchtbaren Katastrophe sein wollen, wie es der Krieg ist!
Helena Drängen
sie nicht … Ich wähle die Ereignisse ebenso
aus,
wie ich Gegenstände oder Menschen auswähle. Ich
wähle
die, die keine Schatten für mich sind. Ich wähle
die,
die ich sehe.
Hektor Ich weiß. Sie haben es bereits
gesagt! Nur Menschen und
Dinge, die für Sie Farbe
haben, sehen sie wirklich. Und
sie
sehen sich nicht in wenigen Tagen den Palast des
Menelaos
betreten?
Helena Nein.
Undeutlich.
Hektor Man
könnte ihren Gatten, zu Ehren ihrer Rückkehr
sehr
farbenfroh anziehen.
Helena Der
Purpur sämtlicher Muscheln würde nicht genügen,
um
Menelaos meinen Augen sichtbar zu machen.
Hektor Kassandra,
du hast eine Konkurrentin erhalten. Auch
Helena
blickt in die Zukunft.
Helena Ich
vermag nicht die Zukunft zu deuten. Aber ich
sehe
in dieser Zukunft farbige Szenen. Und andere
die
farblos sind. Bis zum heutigen Tag sind immer nur
die
farbigen Szenen wahr geworden.
Hektor Wir
werden sie den Griechen am hellen Mittag übergeben.
Auf
blendendem Strand zwischen der violetten
See
und der grellgelben Stadtmauer. Sie sehen das,
nicht
wahr.
Helena O
nein. Es ist alles ganz dunkel.
Hektor Sie
wollen mich wohl zum Besten halten?
Helena Ich?
Was fällt ihnen ein! Warum? Gehen wir!
Bereiten
wir uns für meine Übergabe an die Griechen vor.
Das
weitere wird sich finden.
Hektor Ahnen
sie nicht, dass sie der Menschheit Schimpf
antun,
oder sind sie so ahnungslos?
Helena Was
für einen Schimpf soll ich ihr antun?
Hektor Wissen
Sie nicht, dass ihr farbiges Bilderbuch die Welt
verhöhnt?
Während wir alle kämpfen müssen und uns opfern,
um
einer ruhigen Stunde willen, die ganz uns gehört, blättern sie
seelenruhig
in ihren Farbenstichen, die von Ewigkeit her
vorliegen!
… Was haben Sie? An welchem Blatt bleiben
ihre
mit Blindheit geschlagenen Augen haften? Auf dem
wahrscheinlich,
das sie selbst auf diesem Festungswall
hier
zeigt, wie sie sich die Schlacht ansehen! Sehen
sie
die Schlacht?
Helena Ja.
Hektor Auch
die Stadt, die zusammenstürzt und brennt?
Nicht
wahr?
Helena Ja.
Feuerrot.
Hektor Und
Paris? Sehen sie den Leichnam von Paris, wie
er
geschleift wird? Hinter einem Wagen?
Helena Ah!
Glauben sie, dass es Paris ist?
Hektor Würdest du weinen, Helena, wenn
man dich umbrächte?
Helena Ich weiß nicht. Aber ich würde schreien!
Und ich fühle,
dass ich schreien werde,
Hektor, wenn sie mich weiter
so quälen… Ich werde
gleich schreien.
Hektor Helena,
noch heute Abend kehrst du nach Griechenland
zurück.
Oder ich töte dich!
Helena Aber
ich will ja gern fort! Ich bin bereit. Ich
wiederhole
nur, es ist mir unmöglich, von dem Schiff, das mich
davontragen
soll, das geringste zu sehen.
Hektor Lass
es grau sein, das Meer, unter einer grauen Sonne,
wenn
du heimfährst. Aber wir wollen den Frieden.
(Bote tritt auf)
1. Bote Hektor!
Priamos ruft nach dir! Die Priester sind dagegen,
dass
man die Pforte des Krieges schließt. Sie sagen, dass
die
Götter darin eine Lästerung sehen würden.
Hektor Merkwürdig, wie in schwierigen
Fällen die Götter davon
absehen, sich zu äußern.
1. Bote Sie haben sich geäußert. Der
Blitz ist in den Tempel gefahren,
und
aus den Eingeweiden der Opfer ist zu erkennen, dass
sie
Helenas Rückgabe missbilligen!
Hektor Ich
würde viel dafür geben, könnte ich auch die Eingeweide
der
Priester beschauen… Ich folge dir. (Bote
ab)
Sie
sind also einverstanden, Helena?
Helena Ja!
Hektor Von
nun an werden sie sagen, was ich sage, dass sie
sagen
sollen? Und tun, was ich sage, dass sie tun sollen?
Helena Ja.
Hektor In
Gegenwart von Odysseus werden sie mir nicht widersprechen,
sondern
mir beipflichten?
Helena Ja.
Hektor Hörst
du sie, Kassandra! Hörst du diesen Block
der
Verneinung, der „Ja“ sagt?
Magst du noch so oft „ja“ sagen,
Helena,
du bist der Gipfel des
Eigensinns, der mich bergehoch narrt.
Helena Möglich. Aber ich kann nichts
dafür. Es ist nicht der meine.
Hektor Welcher Irrsinn ist schuld, dass
die Welt just in dies
dumpfe Hirn ihren
Spiegel legte!
2. Bote Auf
Hektor! Der Strand ist in Aufruhr. die Schiffe der
Griechen
sind in Sicht. Und sie haben ihre Flaggen nicht
an
der Überbramstenge gehisst, sondern an der
Vorbramstenge.
Die Ehre unserer Flotte steht auf dem Spiel.
Priamos
befürchtet, dass der Abgesandte bei seiner Landung
erschlagen
wird.
Hektor Kassandra, ich vertraue dir
Helena an! Du wirst meine
Befehle erhalten.
(Hektor ab.)
Kassandra Ich sehe nichts, weder in Farben noch
in Grau. Aber
jedes Wesen, allein
dadurch, dass es sich mir naht,
lastet auf mir. An der
Bangigkeit, die meine Adern
durchbebt, fühle ich
sein Schicksal!
Helena Ich dagegen sehe in den farbigen
Bildern, die mir
vorschweben, manchmal
eine Einzelheit, die besonders
herausleuchtet. Ich habe
es Hektor nicht gesagt. Aber der Hals
seines Sohnes, dort, wo
die Schlagader ist, leuchtete rot…
Hekabe Nun,
werdet ihr sie schließen, diese Pforte?
Demokos Keineswegs!
Wir hätten sie noch heute Abend
wieder
aufzumachen.
Hekabe Hektor
will es. Er wird Priamos bestimmen.
Demokos Das
wollen wir sehen. Übrigens habe ich für Hektor
eine
Überraschung in Reserve.
Polyxena Wohin führt diese Pforte, Mama?
Abneos In den Krieg, mein Kind. Wenn sie
offen steht, heißt
das, dass Krieg ist.
Demokos Kann
ich endlich um Gehör
bitten? … Abneos, und du,
Geometer, und ihr Freunde, … wenn ich euch gerufen
habe,
ehe die Feier beginnt, so ist es, weil wir unsere
erste
Beratung abhalten müssen. Und es ist von guter
Vorbedeutung,
dass dieser erste Kriegsrat nicht von
Generälen
abgehalten wird, sondern von Intellektuellen.
Denn
um Krieg zu führen, genügt es nicht, unsere Soldaten
mit
Waffen zu versehen. Es ist unerlässlich, ihre Begeisterung
aufs
höchste zu steigern. Die Führer pflegen ihren Soldaten
vor
dem Angriff einen kräftigen Trunk zu verabreichen. Aber
den
Griechen gegenüber wird dieses Mittel versagen, wenn
dieser
Weinrausch nicht durch einen moralischen Rausch
verstärkt
wird. Und wir, die Dichter, wollen ihn den Kämpfern
einflößen!
Uns, den Rednern und Schriftstellern, obliegt es
den
Krieg zu loben, ihn zu feiern zu jeder Stunde des Tages,
seinen
monströsen Körper, wo immer er helle oder zweideutige
Stellen
aufweist, zu umschmeicheln. Sonst hat man ihn zum
Feind.
Seht euch die Offiziere an! Tapfer vor dem Feind,
feige
dem Krieg gegenüber. Es ist
die Devise des echten Generals.
Paris Und
ist dir schon etwas eingefallen?
Demokos Eine
wunderbare Idee habe ich gehabt. Du wirst sie am
besten
zu würdigen wissen… Der Krieg muss es satt
haben,
immer als Medusenhaupt und mit den Lippen der
Gorgonen
dargestellt zu werden: Nun ist mir die Idee
gekommen,
sein Antlitz mit dem Antlitz Helenas zu
vergleichen.
Der Krieg wird entzückt sein von dieser
Ähnlichkeit.
Polyxena Mama, wem sieht er ähnlich, der
Krieg?
Hekabe Der Tante Helena.
Polyxena Die ist aber hübsch!
Demokos Die Debatte ist abgeschlossen. Ich
liefere das
Kriegslied. Was hast du, Geometer (Abneos)?
Warum
bist Du so aufgeregt?
Geometer (Abneos) Weil
es Wichtigeres gibt als das Kriegslied!
Viel
Wichtigeres!
Demokos Du
meinst wohl die Kriegsmedaillen; die Falschmeldungen?
Geometer (Abneos) Nein.
Die Schimpfworte.
Demokos Die
Schimpfworte?
Geometer (Abneos) Ehe
sie sich die Speere zuschleudern, schleudern sich die
Griechen
Schimpfworte zu… „Vetter einer Kröte!“ schreien
sie,
„Sohn eines Ochsen!“ … Kurz, sie schmähen einander.
Und
sie haben Recht. Denn sie wissen, dass der Körper
verwundbar
ist, wenn die Eigenliebe gereizt wird.
Demokos Der
Antrag ist angenommen! Noch heute Abend werden wir
einen
Wettbewerb ausschreiben.
Paris Ich
glaube, sie sind Manns genug, um sich ohne uns zu behelfen.
Demokos Welch
ein Irrtum! Wärest du fähig, du, der du für geschickt
giltst,
die entsprechenden Zurufe ohne Anweisung
herauszufinden?
Paris Ganz
gewiss.
Demokos Du
machst dir Illusionen. Stelle dich vor Abneos hin.
Paris Nein!
Abneos regt meine Phantasie nicht an! Aber du,
wenn
du willst.
Demokos Ich?
Bravo! Jetzt wirst du einmal hören, was es heißt,
Schimpfworte
zu improvisieren!
Hekabe Schau
ihn dir gut an. Das wird dich inspirieren.
Paris Alter
Schmarotzer! Du Dichter mit den schmutzigen
Füßen,
du!
Demokos Augenblick!
… Setze lieber vor jedes Schimpfwort den
Namen
des Betreffenden, um Verwechslungen zu vermeiden…
Paris Du
hast Recht! … Demokos! Kalbsauge! Schuppentier!
Demokos Grammatikalisch
ist das alles korrekt. Aber recht naiv…
Schuppentier!
Weshalb soll ich deshalb in eine so sinnlos
schäumende
Wut geraten, dass ich dich umbringen muss!
Nein,
„Schuppentier“ ist vollkommen wirkungslos.
Hekabe Aber
er hat dich auch „Kalbsauge“ genannt.
Demokos Kalbsauge
ist etwas besser! Aber, du siehst, wie
du
dich blamierst, Paris. Suche doch etwas, was mich
außer
Rand und Band bringen könnte! Was sind meine Fehler,
deiner
Ansicht nach?
Paris Du
bis feig, dein Atem ist übel riechend und du hast keine
Spur
von Talent.
Demokos Soll
ich dir eine herunterhauen?
Paris Das sag ich doch alles nur dir
zu gefallen.
Polyxena Mama, warum zankt man den Onkel
Demokos aus?
Helena Weil er ein Gimpel ist!
(Demokos – du bist ein Gimpel!)
Demokos Hekabe!
Du wagst es…
Hekabe Ich
sage, dass du ein Gimpel bist. Wenn die Gimpel die
Blödheit,
die Aufgeblasenheit, die Hässlichkeit und den
Gestank
der Aasgeier besäßen, dann wärest du ein Gimpel!
Demokos Paris,
deine Mutter ist dir weit über! Nimm dir ein
Beispiel
an ihr. Lass sie pro Tag und pro Soldat eine
Stunde
lang Schimpfwörter exerzieren, und wir werden
den
Griechen bald über sein. Was die Kriegshymne
anlangt,
wäre es vielleicht ratsam, sie damit zu betrauen.
Hekabe Meinetwegen.
Aber ich würde keinesfalls sagen, dass der
Krieg
Helena ähnlich sieht.
Demokos Wem
sieht der Krieg ähnlich nach deinem Dafürhalten?
Hekabe Das
sage ich dir, wenn die Pforte geschlossen ist.
Hektor Sie
wird geschlossen.
Demokos Noch
einen Augenblick, Hektor!
Priamos Hektor,
unsere Freunde meinen, auch der Krieg sei bereit.
Überlege
es dir wohl. Sie haben recht. Wenn du diese
Pforte
schließt, wird man sie vielleicht in einer Minute
wieder
öffnen müssen.
Hekabe Eine
Minute Frieden ist nicht zu verachten.
Hektor Vater!
Du musst wissen, was für Männer, die seit Monaten
kämpfen,
das Wort Friede bedeutet. Es ist, als ob
Ertrinkende
endlich wieder festen Boden unter sich fühlen.
Priamos Du
wirst mit dem Wort „Frieden“ Erinnerungen, Freundschaften
Hoffnungen
wie Kleingeld in Umlauf setzen. Die
Soldaten
werden nicht mehr zu halten sein. Das Brot des
Friedens
werden sie kaufen, den Wein des Friedens trinken,
im
Zeichen des Friedens ihre Frauen umarmen. Und eine
Stunde
später wirst du sie in den Krieg schicken.
Hektor Schließen
wir die Pforte. Hier werden wir binnen kurzem
die
Griechen empfangen. Die Unterredung wird ohnedies
schwierig
genug sein. Es schickt sich, sie wenigstens
im
Frieden zu empfangen.
Priamos Mein
Sohn, wissen wir denn überhaupt, ob wir den
Griechen
gestatten dürfen, zu landen?
Hektor Sie
werden landen. Die Unterredung mit Odysseus ist
unsere
letzte Friedenschance.
Demokos Sie
werden nicht landen. Unsere Ehre steht auf dem Spiel.
Wir
wären das Gespött der Welt…
Hektor Und
du nimmst es auf dich, dem Senat eine Maßnahme
vorzuschlagen,
die den Krieg bedeutet?
Demokos Auf
mich? Fehlgegriffen. Tritt vor, Busiris.
Deine
Sendung hebt an.
(Busiris tritt auf die Bühne)
Hektor Wer
ist dieser Fremde?
Demokos Dieser
Fremde ist der größte heute lebende Sachverständige
für
Fragen des Völkerrechts. Ein glücklicher Zufall fügt es,
dass
er heute auf der Durchreise in Troja ist. Kein parteiischer
Zeuge
also. Er ist ein Neutraler. Unser Senat schließt sich
seinem
Urteil an, das morgen alle Völker teilen werden.
Hektor Und
was für ein Urteil ist das?
Busiris Mein
Urteil, Fürsten, nach Aufnahme
des Lokalaugenscheins
und anschließender
Zeugeneinvernahme lautet: die Griechen
haben
sich den Trojanern gegenüber eines dreifachen Verstoßes
gegen
die Vorschriften des Völkerrechts schuldig gemacht.
Ihnen
die Landung zu gestatten, hieße den Rechtstitel des
Beleidigten
aufgeben, der ihnen in dem Konflikt die Sympathien
der
ganzen Welt garantiert.
Hektor Erkläre
dich näher.
Busiris Zum
ersten haben sie ihre Flagge an der Vorbramstenge und
nicht
an der Oberbramstenge gehisst. Ein Kriegsschiff, Fürsten
und
liebe Kollegen, hisst seinen Wimpel an der Vorbramstenge
nur
als Erwiderung auf den Gruß eines Rindertransportschiffes.
Angesichts
einer Stadt und ihrer Bevölkerung ist es also die
Beleidigung
an sich. Übrigens gibt es einen Präzendenzfall. Im
vorigen
Jahr haben die Griechen bei der Einfahrt in den Hafen
von
Ophea ihre Flagge an der Vorbramstenge gehisst. Die
Entgegnung
war schlagend: Ophea hat den Krieg erklärt.
Hektor Und
was ist geschehen?
Busiris Ophea
wurde besiegt. Es gibt kein Ophea und keine Opheer mehr.
Hekabe Ausgezeichnet
Busiris Die
Vernichtung eines Volkes beeinträchtigt in keiner
Weise
seine internationale moralische Position.
Hektor Weiter.
Busiris Zum
zweiten hat die griechische Flotte bei der Einfahrt
in
eure Gewässer die so genannte Frontalformation
eingenommen.
Auf unserem letzten Kongress wurde beantragt, diese
Formation
in den Paragraphen der so genannten Defensiv-
Offensiv-Maßnahmen
aufzunehmen. Es ist mir gelungen
durchzusetzen,
dass man ihr den wahren Rang einer Offensiv-
Defensiv-Maßnahme
zuerkannte, so ist sie dann rundweg
eine
verschleierte Form der Seefront, die selbst wieder
eine
verschleierte Form der Blockade ist, das heißt, sie
stellt
einen Verstoß erster Ordnung dar. Auch hier haben
wir
einen Präzedenzfall. Vor fünf Jahren haben die griechischen
Schiffe
die Frontalformation angenommen, als sie vor Magnesia
ankerten.
Magnesia hat in der gleichen Stunde den Krieg
erklärt.
Hektor Hat
es den Krieg gewonnen?
Busiris Es
hat ihn verloren. Von seinen Mauern steht kein Stein mehr.
Aber
mein Paragraph besteht.
Hekabe Ich
gratuliere. Es bangte uns schon.
Hektor Zum
Ende.
Busiris Der
dritte Verstoß ist weniger belastend. Einer der
griechischen
Dreiruderer ist ohne Erlaubnis und
heimtückischer
weise gelandet. Sein Kommandant Ajas, der
gewalttätigste
und liederlichste der Griechen, kommt
unter
Skandal und Provokation gegen die Stadt herauf und
schreit,
dass er Paris töten will. Vom völkerrechtlichen
Standpunkt
aus dürfte dieser Verstoß übersehen werden.
Denn
es ist ein Verstoß, der nicht in den vorgeschriebenen
Formen
begangen wurde.
Demokos Nun
bist du im Bilde. Es gibt zwei Auswege:
die
Beleidigung einstecken oder sie zurückgeben. Wähle!
Hektor Lauft
Ajas entgegen. Sorgt dafür, dass er hierher kommt.
Paris Ich
erwarte ihn.
Hektor Du
wirst so gut sein, im Palast zu bleiben, bis ich
dich
rufe. Was dich angeht, Busiris, wisse: Du wirst
ein
Gutachten abgeben, welches unseren Senat zu der
Erklärung
ermächtigt, dass von Seiten unserer Besucher
kein
Verstoß geschehen ist, sondern dass wir sie mit
allen
Ehren als unsere Gäste empfangen können.
Demokos Was
sind das für Witze?
Busiris Dies
entspricht nicht den Tatsachen, Hektor.
Hektor Mein
lieber Busiris, wir wissen hier alle, dass die
Rechtslehre
die stärkste Schule der Phantasie ist.
Nie
hat ein Dichter die Natur so frei ausgelegt wie
ein
Jurist die Wirklichkeit.
Busiris Der
Senat hat ein Gutachten von mir verlangt, ich
habe
es gegeben.
Hektor Und
ich verlange von dir eine Auslegung. Das
ist
noch juristischer.
Busiris Sie
geht gegen mein Gewissen.
Hektor Ich
flehe dich an, Busiris. Es geht um das Leben
zweier
Völker. Hilf uns.
Busiris Ich
kann euch nur eine Hilfe bieten, die Wahrheit.
Hektor Das
ist es ja. Finde eine Wahrheit, die uns rettet.
Wenn
das Recht den Unschuldigen nicht zum Harnisch
dient,
wozu dient es denn? Schmiede uns eine Wahrheit.
Übrigens
ist die Sache sehr einfach: wenn du
diese
Wahrheit nicht findest, behalten wir dich hier,
so
lange der Krieg dauert.
Busiris Wie?
Demokos Du
missbrauchst deine Stellung, Hektor.
Hekabe Im
Kriege wird das Recht eingesperrt. Da wird man doch
auch
noch einen Juristen einsperren dürfen.
Hektor Lass
es dir gesagt sein, Busiris. Meine Drohungen oder
meine
Versprechungen habe ich noch immer gehalten.
Entweder
werden diese Wachen dich auf Jahre ins Gefängnis
abführen,
oder du reist noch heute Abend ab, die
Taschen
voll Gold. Nun weißt du Bescheid. Unterziehe
die
Frage aufs neue deiner überaus unparteiischen
Expertise.
Busiris Es
gibt allerdings Rechtsmitte.
Hektor Ich
hab’s ja gewusst.
Busiris Was
den ersten Verstoß betrifft, könnte man nicht zum
Beispiel
in gewissen Meeren, die von fruchtbaren Gebieten
eingefasst
sind, die Begrüßung des Rindertransportschiffes
als
Ehrenbezeigung der Seemacht vor der Landwirtschaft
deuten?
Hektor Das
ist in der Tat logisch. Es wäre, mit einem Wort, der
Gruß
des Meeres an die Erde.
Busiris Wobei
noch zu berücksichtigen ist, dass eine Ladung von
Rindern
auch eine Ladung von Stieren sein kann. In diesem
Falle
würde die Ehrenbezeigung sogar an Schmeichelei grenzen.
Hektor Du
hast mich verstanden. Wir sind
so weit.
Busiris Die
Frontalformation dagegen lässt sich ebenso gut als
Entgegenkommen
wie als Herausforderung auslegen. Frauen,
die
Kinder haben wollen, präsentieren sich von vorne
und
nicht von der Seite.
Hektor Und
so ist denn unsere Ehre intakt, Demokos. Man
verkünde
in der Stadt das Gutachten des Busiris. Und
du Minos, lauf zum
Hafenkommandanten mit dem Auftrag,
Odysseus unverzüglich an
Land zu bringen.
Demokos Es
ist unmöglich, mit den alten Frontkämpfern über
Ehrenfragen
zu sprechen. Wirklich, sie missbrauchen
die
Tatsache, dass man sie nicht gut Feiglinge nennen kann.
Geometer (Abneos) Halte
jedenfalls die Totenrede, Hektor. Das wird dich
auf
andere Gedanken bringen…
Hektor Es
wird keine Totenrede geben.
Priamos Es
ist aber der Brauch. Jeder siegreiche General muss
die
Totenklage auf die Gefallenen halten, wenn sich die
Pforte
schließt.
Hektor Die
Rede auf die Gefallenen des Krieges ist ein
heuchlerisches
Plädoyer zugunsten der Lebenden. Man will
dadurch
einen Freispruch erwirken. Das sind Advokatenkniffe.
Ich
selbst bin mir meiner Unschuld nicht so sicher…
Demokos Die
Heeresleitung ist nicht verantwortlich.
Hektor Ach!
Alle sind es. Auch die Götter! Übrigens habe ich
meine
Rede an die Toten bereits gehalten. Ehe sie ihren
letzten
Seufzer taten, als sie ein wenig seitwärts an
den
Olivenbäumen des Schlachtfeldes lehnten und noch
eines
letzten Blickes fähig waren, ein letztes Wort noch
vernehmen
konnten. Ich will euch wiederholen, was ich zu
ihnen
gesagt habe: - zu dem Mann, dem die Eingeweide
hervorquollen
und die Augen schon übergingen, sagte ich:
„Na,
mein Lieber … es geht ja so übel nicht, nicht wahr?“
…
- Und zu dem anderen, dem sie den Schädel
entzwei
gespalten hatten: „Was du aber komisch aussiehst
mit
deiner zerschlagenen Nase!“ Und ich freue mich, dass
ich
einem jeden einen letzten Trunk aus dem Born
des
Lebens reichte. Mehr begehrten sie ja nicht, sie starben,
indem
sie diesen letzten Tropfen schlürften. Und dieser
Rede
werde ich kein Wort mehr hinzufügen. Schließet die
Pforte.
Demokos Unser
General scheint Worte, an Sterbende gerichtet,
und
Leichenreden zu verwechseln.
Priamos Versteife
dich nicht, Hektor.
Hektor Schön;
gut; ich will zu ihnen sprechen.
(er tritt vor die Pforte)
Oh
ihr, die ihr uns nicht hört, die ihr
uns
nicht seht vernehmt diese Worte. Wir sind die Sieger.
Das
ist euch gleichgültig, nicht wahr? Auch ihr seid
Sieger
… Doch wir sind die lebenden Sieger. Hier
setzt
der Unterschied ein und für mich ein Gefühl der
Schmach.
Ich weiß nicht, ob in den Reihen der Toten
die
siegreichen Toten Kokarden tragen. Die Lebenden,
ob
sie nun Sieger sind oder nicht, tragen sie alle,
die
wahre, die doppelte Kokarde! In der Gestalt ihrer
Augen.
Wir haben zwei Augen, wir anderen. Wir, meine
armen
Freunde, wir sehen die Sonne. Wir tun alles,
was
man bei Sonnenlicht tun kann. Wir essen, wir
trinken,
… und bei Mondlicht! … da schlafen wir
mit
unseren Frauen … Und mit den euren auch…
Als
ein Feldherr, der die Wahrheit spricht, sage ich
euch,
dass ich nicht die gleiche Liebe, nicht die
gleiche
Achtung für euch alle empfinde. Seid ihr
auch
tot, so teilt ihr euch doch in Mutige und Feige,
genau
wie wir, die Überlebenden. Und ich werde nicht
einer
Feier zuliebe die Toten, die ich bewundere, mit
den
Toten, die ich nicht bewundere, vermengen. Aber
was
ich euch heute zu sagen habe, ist: dass der Krieg
mir
das törichtste und das heuchlerischste Konzept zu
sein
scheint, die Menschen gleichzustellen, und dass
ich
den Tod weder als Strafe oder Sühne für den Feigling
noch
als Belohnung für die Lebenden gelten lasse.
Wer
ihr auch seid – Entschwundene, Wesenlose, Vergessene,
ohne
Tun, ohne Ruhe, ohne Sein – ich verstehe nur zu
gut,
dass man beim Schließen dieser Pforte die Deserteure
des
Todes, die Überlebenden, vor euch entschuldigen und
bis
ins Innerste sowohl als einen Raub wie als ein Privilegium
den
Besitz der beiden Güter empfinden muss, die da
heißen:
Wärme und Himmelslicht, deren Echo, wie ich hoffe,
niemals
zu euch dringt.
Polyxena Mama, die Pforte geht zu!
Hekabe Ja, Liebling.
Polyxena Es sind die Toten, die sie schieben.
Hekabe Sie helfen ein wenig nach!
Polyxena Auf dem rechten Flübel helfen sie am
meisten.
(Das Tor wird geschlossen)
Hektor Friede!
Vater! Es ist Friede!
1. Bote Priamos!
Die Griechen sind gelandet.
Hektor Königlich
müsst ihr sie empfangen! Und achtet wohl,
dass
ihnen nichts widerfährt. Ihr haftet mir dafür.
Die Menge Die Griechen! Die Griechen!
1. Bote Odysseus steht auf der Brücke,
Priamos. Wohin sollen
wir ihn führen?
Priamos Hierher. Melde uns seine Ankunft im
Palast … Folge
mir auch du, Paris. Es
ist besser. Du hast dich
vorläufig nicht zu
zeigen.
Hektor Gehen
wir, Vater. Wir müssen unsere Begrüßungsrede an
die
Griechen vorbereiten.
Demokos Bereite
sie ein wenig besser vor als die Totenrede,
du
wirst auf mehr Widerspruch stoßen.
(Priamos, Hektor und Paris ab)
Wie,
Hekabe, du gehst auch?
Du
gehst, ohne uns gesagt zu haben, wem der Krieg
ähnlich
sieht?
Hekabe Du
willst es wissen?
Demokos Sag
es! Wenn du es wirklich weißt.
Hekabe Einem
Affenarsch. Was man sieht, wenn die Äffin sich
auf
den Baum schwingt und uns ihr rotes, schuppiges,
schillerndes
Hinterteil zeigt, von schmutzigen Haaren
umgeben
– genau das ist der Krieg. Es ist sein Gesicht!
(Hekabe ab)
Demokos So
hat er deren zwei – mit dem Helenas
(Demokos ab)
- Pause -
Andromache (zu
Polyxena) Da kommt sie. Weißt du noch, was du
ihr sagen sollst?
Polyxena Ja…
Andromache So geh!
(Andromache ab, Helena tritt auf)
Helena Du willst mich sprechen, Kleine.
Polyxena Ja, Tante Helena.
Helena Es muss etwas Wichtiges sein! Du
stehst ganz steif da.
Ich wette, du fühlst
dich auch ganz steif?
Polyxena Tante Helena! Wenn du uns lieb hast
… geh fort!
Helena Warum soll ich fortgehen,
Herzchen?
Polyxena Wegen der Kriegsgefahr!
Helena Ja weißt du denn schon, was Krieg
ist?
Polyxena Nicht ganz genau. Ich glaube, man
stirbt dabei.
Helena Und der Tod? Weißt du auch, was
das ist?
Polyxena Auch nicht ganz genau. Ich glaube,
man spürt dann nichts mehr.
Helena Komm, sag mir, was dir Andromache
eigentlich aufgetragen
hat, von mir zu
verlangen.
Polyxena Fortzugehen, wenn du uns lieb hast!
Helena Das scheint mir nicht sehr
logisch. Wenn du jemanden
gern hast, willst du ihn
da verlassen?
Polyxena O nein! Nie! Nie!
Helena Was wäre dir lieber: Hekabe zu
verlassen oder nichts
mehr zu spüren?
Polyxena Oh! Nichts mehr zu spüren! Am
liebsten möchte ich bleiben
und nichts mehr spüren…
Helena Siehst du, was du da
zusammenredest! Um von euch zu gehen,
müsste ich euch nicht
mehr lieben. Möchtest du lieber, dass ich
euch nicht mehr liebe?
Polyxena O nein! Ich will, dass du uns
liebst!
Helena Geh! Geh! Du weißt nicht, was du
sagst.
Und Andromache soll mir
künftig selbst bestellen, was sie
von mir möchte. Umarme
mich, Polyxena, ich reise heute
Abend ab, weil dir daran
liegt.
Helena Also
– eine Aussprache?
Andromache Ich
glaube, dass sie notwendig ist.
Helena Und
worüber, da ich gehe?
Andromache Helena!
Ob du gehst oder bleibst. Darum handelt es
sich
nicht mehr.
Helena Sag
das Hektor. Du wirst ihm einen angenehmen Tag bereiten.
Andromache Ja.
Hektor klammert sich an die Hoffnung deiner Abreise.
Er
ist wie alle Männer. Ein Hase genügt, um sie von dem
Dickicht
abzulenken, in welchem sich der Panther versteckt.
Das
Wild der Menschen lässt sich auf diese Weise jagen, nicht
das
der Götter!
Helena Wenn
du herausgefunden hast, was die Götter in dieser ganzen
Geschichte
wollen, dann gratuliere ich!
Andromache Ich
weiß nicht, ob die Götter etwas wollen. Aber das Weltall
will
etwas. Seit heute morgen scheint mir alles danach
zu
schreien, es zu verlangen, es zu fordern; die Menschen,
die
Tiere, die Pflanzen. Selbst das Kind in mir…
Helena Was
fordern sie denn?
Andromache Dass
du Paris lieben sollst.
Helena Wenn
du weißt, dass ich Paris nicht liebe, dann weißt
du
mehr als ich.
Andromache Du
liebst ihn nicht! Vielleicht könntest du ihn lieben
lernen.
Aber augenblicklich waltet ein Missverständnis
zwischen
euch.
Helena Wenn
alle Welt glaubt, dass wir uns lieben … kommt
es
auf dasselbe heraus.
Andromache Niemand
glaubt es. Aber niemand wird es eingestehen, dass er
es
nicht glaubt.
Helena Was
willst du von mir?
Andromache Ich
beschwöre dich, Helena, du musst Paris lieben! Ich
will
aus deinem Mund hören, dass ich mich täusche, dass
du
dich töten würdest, wenn er sterben sollte! .. Dann,
Helena,
wird der Krieg nur mehr eine Geißel sein, aber
keine
Ungerechtigkeit. Und ich werde suchen, ihn zu
ertragen.
Helena Liebe
Andromache! Das ist alles nicht so einfach. Ich
verbringe,
offen gestanden, meine Nächte nicht damit,
über
das Los der Menschen nachzudenken. Doch schien
mir
immer, dass sie sich in zwei Arten teilen. In solche,
die
– sagen wir – Fleisch und Blut des menschlichen Lebens
ausmachen.
Und in solche, die die Ordnung des Lebens sind
und
seine Gangart. Die ersteren haben das Lachen und die
Tränen
und was der Absonderungen noch
mehr sind. Die anderen
haben
die Gebärde, die Haltung, den Blick. Wollte man
beide
zu einer einzigen Art verschmelzen, so käme nichts
Rechtes
dabei heraus. Die Menschheit ist ihren Stars
ebenso
viel Dank schuldig wie ihren Märtyrern.
Andromache Helena!
Helena Übrigens
bist du recht anspruchsvoll! … Ich finde
an
meiner Liebe nicht so viel auszusetzen. Mir
gefällt
sie. Natürlich hänge ich nicht an Paris mit
allen
Fibern. Es geht mir nicht an die Nieren, wenn
mich
Paris, um Kegel zu spielen oder um Aale zu
fischen,
im Stiche lässt. Aber ich bin von ihm abhängig,
er
zieht mich magnetisch an. Der Magnetismus
ist
auch Liebe. Er ist älter und ergiebiger als jene
Liebe,
bei der man mit verweiten Augen herumgeht
und
nicht voneinander lassen kann. Ich fühle mich in
meiner
Liebe so heimisch wie ein Stern in seiner Bahn,
in
ihr kreise ich, in ihr erstrahle ich, es ist meine
Art,
zu atmen und zu umarmen. Was soll aus einer Liebe
wie
der meinigen werden, wenn sich Eifersucht, Zärtlichkeit,
seelische
Erschütterung einmischten? Die Welt
hat
ohnedies so schlechte Nerven: Sieh dich an!
Andromache Lasse
Mitleid in sie einfließen. Es ist die einzige
Hilfe,
deren die Welt bedarf…
Helena Das
ist es. Das musste kommen. Das Wort ist gefallen.
Andromache Was
für ein Wort?
Helena Das
Wort Mitleid! Da bin ich nicht zuständig. Für Mitleid
habe
ich nicht viel übrig.
Andromache Weil
du das Unglück nicht kennst!
Helena Die
Leute haben Mitleid mit anderen nur in dem Maß,
wie
sie Mitleid mit sich selbst hätten. Unglück oder
Hässlichkeit
sind Spiegel, die sie nicht vertragen. Ich
aber
habe mit mir nicht das geringste Mitleid. Du wirst
es
sehen, falls es Krieg geben sollte. Ich vertrage
Hunger
und Schmerz, ohne zu klagen. Besser als ihr. Und
die
Schmähungen. Glaubst du, ich höre nicht, was mir die
Trojanerinnen
zurufen, wenn ich vorüber gehe? Sie sehen
eine
Hure in mir! Und behaupten, dass ich des Morgens
trübe
Augen habe. Richtig oder falsch, wie ist es mir so
gleich!
So gleich!
Andromache Halt
ein, Helena!
Helena Glaubst
du, mein farbiges Bilderbuch, wie Hektor
es
nennt, zeigt mir nicht manches Mal eine Helena,
die
alt, aus dem Leim geraten, zahnlos in ihrer
Küche
hockt und verzuckerte Früchte nascht! …
Und
wie farbig, wie sicher und gewiss ist das alles!
…
es ist mir völlig gleichgültig!
Andromache Ich
bin verloren!
Helena Warum?
Wenn dir ein vollkommenes Liebespaar genügt, um
den
Krieg gelten zu lassen, so bleibt ja das Paar
Andromache
– Hektor!
Ajas Wo
ist er? Wo versteckt er sich? Der Feigling! Ein
echter
Trojaner!
Hektor Wen
sucht ihr?
Ajas Ich
suche Paris…
Hektor Ich
bin sein Bruder
Ajas Schöne
Familie! Ich bin Ajas! Und ihr?
Hektor Man
nennt mich Hektor.
Ajas Ich
nenne dich Schwager einer Hure!
Hektor Ich
sehe, dass uns Griechenland Unterhändler geschickt
hat.
Was wollt ihr?
Ajas Den
Krieg!
Hektor Nichts
zu machen. Warum wollt ihr ihn.
Ajas Paris
hat Helena entführt.
Hektor Sie
war einverstanden, soviel ich hörte.
Ajas Eine
Griechin tut, was ihr beliebt. Sie braucht
euch
nicht um Erlaubnis zu fragen. Das ist ein Kriegsfall.
Hektor Wir
könnten uns bei euch entschuldigen.
Ajas Trojaner
entschuldigen sich nicht. Wir ziehen nicht
ohne
eure Kriegserklärung von hier ab.
Hektor Erklärt
ihn selber.
Ajas Jawohl, das werden wir tun.
Noch heute abend.
Hektor Ihr lügt! Ihr werdet den Krieg
nicht erklären. Weil
keine der Inseln des
Archipels euch Gefolgschaft leisten
wird, wenn wir nicht die
Angreifer sind…
Und wir greifen nicht
an.
Ajas Wie?
Du wirst ihn nicht erklären, und zwar in eigener
Person,
wenn ich dir erkläre, dass du ein Feigling bist.
Hektor Diese
Erklärung nehme ich ruhig an.
Ajas Und
wenn ich dir sage, was ganz Griechenland von Troja
hält:
das Troja im Laster ersäuft? Die Dummheit selber
ist?...
Hektor Troja
ist der Eigensinn selber. Der Krieg wird euch nicht
bewilligt.
Ajas Und
wenn ich Troja anspucke?
Hektor Spuck
nur zu.
Ajas Und
wenn ich dich schlage – dich, Trojas Fürsten?
Hektor Schlag
zu!
Ajas Wenn
ich dir, dem Symbol seines Eigendünkels, seiner
falschen
Ehre, ins Gesicht schlage?
Hektor Schlag
zu…
(Ajas ohrfeigt Hektor)
Ajas Da!
… Wenn die Gnädige … deine Frau
ist,
kann die Gnädige stolz sein.
Hektor (der unbewegt geblieben ist)
Ich
kenne sie … sie ist stolz.
Demokos Was
geht hier vor? Was will dieser Trunkenbold, Hektor?
Hektor Er
will nichts mehr! Er hat, was er wollte.
Demokos Andromache,
was ist geschehen?
Andromache Nichts.
Ajas Zweimal
nichts! Ein Grieche gibt Hektor eine Ohrfeige.
Und
Hektor steckt sie ein.
Demokos Ist
es wahr, Hektor?
Hektor Rein
erfunden. Nicht wahr, Helena?
Helena Die
Griechen verstehen sich sehr gut auf Lügen. Die
griechischen
Männer, heißt das.
Ajas Hat
er immer eine Wange röter als die andere?
Hektor Ja.
diese Wange ist die gesündere!
Demokos Es
ist Kriegssache. Du bist uns das Standbild Trojas.
Hektor Eben
deshalb: Standbilder ohrfeigt man nicht.
Demokos (zu Ajas)
Wer
bist du – du Vieh! Ich bin Demokos, der
zweite
Sohn des Achichaos!
Ajas Zweiter
Sohn des Achichaos? Sehr angenehm! Sag mir:
ist
es ebenso gravierend, den zweiten Sohn des Achichaos
zu
ohrfeigen, wie Hektor zu ohrfeigen?
Demokos Genauso!
Du Trunkenbold! Ich bin Präsident des Senates.
Wenn
du den Krieg willst, Krieg bis zum äußersten, dann
komm
nur her.
Ajas Gut!
… Ich probier’s.
(er ohrfeigt Demokos).
Demokos Trojaner!
Soldaten! Zu Hilfe!
Hektor Schweig,
Demokos!
Demokos Zu
den Waffen! Man greift Trojas Ehre an! Rache!
Hektor Du
sollst still sein, hab ich dir gesagt.
Demokos Schreien
werde ich! … die Stadt in Aufruhr bringen!
Hektor Schweig
… Oder ich ohrfeige dich!
Demokos Priamos!
Anchises! Herbei! Kommt Trojas Schande sehen.
Hektors
Gesicht trägt ihr Merkmal.
Hektor Idiot!
(Hektor ohrfeigt Demokos. Ajas bricht in
grölendes Lachen aus)
Priamos Demokos!
Was soll das Geschrei?
Demokos Man
hat mich geohrfeigt.
Ajas Geh,
beschwere dich bei Achichaos!
Priamos Wer
hat dich georfeigt?
Demokos Hektor!
Ajas! Hektor! Ajas!
Paris Was
faselt er? Er ist verrückt!
Hektor Niemand
hat ihn geohrfeigt. Nicht wahr, Helena?
Helena Ich
habe doch Acht gegeben. Aber ich habe nichts gesehen.
Ajas Es
ist kein Unterschied in der Farbe seiner Wangen.
Paris Dichter
sind oft ganz grundlos aufgeregt. Sie nennen
das:
in Trance geraten. Gleich wird unsere Volkshymne
daraus
entstehen.
Demokos Das
sollst du mir büßen, Hektor.
Ajas Bravo!
Sehr flott, edler Gegner! Schöne Ohrfeige! …
Hektor So
gut ich es konnte.
Ajas Dein
Speerwurf muss fabelhaft weit tragen?
Hektor Siebzig
Meter weit!
Ajas Respekt!
Mein lieber Hektor, entschuldige mich. Ich ziehe
meine
Drohung zurück. Ich ziehe meine Ohrfeige zurück.
Wir
haben gemeinsame Feinde: es sind die Söhne des
Achichaos.
Und ich schlage mich nicht mit denen, welche
mit
mir die Söhne des Achichaos zu Feinden haben.
Sprechen
wir nicht mehr vom Krieg. Ich weiß nicht, was
Odysseus
im Schilde führt. Aber verlass dich auf mich,
ich
lege die Sache bei …
(er geht ab, Odysseus entgegen, mit dem er
dann wiederkehrt)
Andromache Auch
diese Schlacht hast du gewonnen. Alles wird gut werden.
Hektor Ich gewinne jede Schlacht. Aber
bei jedem Sieg geht der
Einsatz flöten.
Odysseus Ich
grüße wohl Priamos und Hektor?
Priamos Wir
sind es. Und hinter uns liegt Troja – Trojas
Vorstädte,
Trojas Ländereien und der Hellespont und
dann Phrygien wie eine
geschlossene Faust. – Ihr seid
Odysseus?
Odysseus Ich
bin es.
Priamos Und
hier ist Helena!
Odysseus Guten
Tag, Königin!
Helena Ich
habe mich verjüngt, Odysseus. Ich bin nur mehr Prinzessin.
Priamos Wir
sind bereit, euch anzuhören.
Ajas Odysseus, rede
du mit Paris. Ich will mit Hektor sprechen.
Odysseus Priamos. Wir sind hier, um
Helena zurückzuholen.
Ajas Du
verstehst, Hektor, nicht wahr? Dergleichen geht nicht
ohne
weiteres an.
Odysseus Griechenland
und Menelaos schreien nach Rache.
Nicht
wahr, Ajas?
Ajas Wenn
betrogene Ehemänner nicht nach Rache schreien würden,
was
bliebe ihnen denn? Er hat recht, nicht wahr, Hektor?
Odysseus Helena
muss uns zur Stunde übergeben werden. Oder es
ist
Krieg.
Ajas Wenn
wir sagen: „Zur Stunde“, Hektor, so ist das nicht
wörtlich
gemeint. In zwei, drei Stunden! Man muss doch
Abschied
nehmen.
Hektor Ist
das alles?
Odysseus Alles!
Ajas Du
siehst, Hektor, wir fassen uns kurz!
Hektor Wenn
wir euch also Helena zurückgeben, sichert ihr uns
den
Frieden zu?
Ajas Und
Ruhe.
Hektor Wenn
sie sich unverzüglich einschifft, ist der Konflikt
aus
der Welt geschafft?
Ajas Erledigt!
Hektor Ich
glaube, wir werden uns einigen können. Nicht wahr,
Helena?
Helena Ja,
ich glaube es.
Odysseus Wie?
Soll das heißen, dass uns Helena zurückgegeben wird?
Hektor Gewiss.
Sie ist bereit.
Ajas Sie
wird jedenfalls bei der Rückkehr mehr Gepäck
haben
als bei der Abreise.
Hektor Wir
geben sie euch zurück. Und ihr garantiert den
Frieden.
Keine Repressalien mehr. Kein Rachezug!
Ajas Eine
Frau verloren – eine Frau wiedergefunden!
Und
noch dazu dieselbe. Ausgezeichnet! Was meinst du,
Odysseus?
Odysseus Ich
muss bitten. Ich garantiere nichts! Um auf alle
Repressalien
zu verzichten, müsste jeder Grund zu
Repressalien
wegfallen. Das heißt, Menelaos müsste
Helena
in gleichem Zustand zurückerhalten, in
welchem
sie sich befand, als sie entführt wurde.
Hektor Und
wie will er das feststellen?
Odysseus Ein
Gatte, der im Mittelpunkt eines Weltskandals steht,
ist
scharfsinnig. Die Frage ist: ob Paris Helena verführt
hat?
Und die Frage muss bejaht werden.
Hektor Paris
hat Helena nicht berührt. Beide haben es
mir
anvertraut.
Odysseus Was
ist das für eine Geschichte?
Hektor Eine
wahre Geschichte. Nicht wahr, Helena?
Helena Was
wäre so Merkwürdiges daran?
Odysseus Paris,
ihr habt also diese Königin entführt und nackt
entführt.
Ihr selber, nehme ich an, badet auch nicht
gepanzert
und bewaffnet. Und bei all dem solltet ihr
Helena
nicht berührt haben?
Paris Eine
nackte Königin ist mit ihrer Würde bekleidet.
Helena Sie
braucht sie nur nicht abzulegen.
Odysseus Wie
lange hat die Reise gedauert? Ich habe mit meinen
Schiffen
drei Tage gebraucht. Wo hielt sich während
dieser
drei Tage die Königin auf?
Paris Sie
lag an Deck ausgestreckt.
Odysseus Und
Paris? Der hat wohl im Mastkorb gesessen?
Helena Er
lag ausgestreckt an meiner Seit.
Odysseus Er
las an Ihrer Seite vermutlich. Oder fischte er?
Helena Ab
und zu fächelte er mir.
Odysseus Ohne
euch je zu berühren?
Helena Am
zweiten Tag hat er mir die Hand geküsst.
Odysseus Die
Hand! --- Aha. Die Bestie, die sich regt.
Helena Ich
hielt es für würdiger, es nicht zu bemerken.
Odysseus Und
die drei Nächte? Über euch schimmerten und schwanden
dreimal
die Sterne, Helena, ist ihnen nicht mehr von
diesen
drei Nächten gewärtig?
Helena Doch,
doch. Beinahe hätte ich vergessen. Eine viel
genauere
Kenntnis der Sternbilder.
Odysseus Was
hat euch veranlasst, so respektvoll mit Helena
umzugehen?
Da ihr sie doch wehrlos für euch hattet?
Paris Ich
… ich liebte sie.
Helena Odysseus,
wenn ihr nicht wisst, was Liebe ist, dann lasst
lieber
ab von solchem Thema.
Odysseus Gestehen
sie aber, Helena, dass sie nicht mit Paris
durchgegangen
wären, wenn sie gewusst hätten, dass
die
Trojaner impotent sind …
Paris Hektor!
Du siehst, wie unangenehm die Lage ist!
Hektor Nur
noch eine Minute Geduld!
Lebt
wohl, Helena!
Möge
eure Tugend ebenso sprichwörtlich werden, wie
eure
Leichtfertigkeit es hätte werden können…
Helena Ich
mache mir keine Sorge. Die Jahrhunderte lassen
uns
immer Gerechtigkeit widerfahren.
Odysseus Paris
der Impotente! Ein hübscher Spitzname!
Daraufhin
dürfen sie ihn umarmen, Helena.
Paris Hektor!
1. Matrose Werdet
Ihr diese Komödie noch lange dulden, Kommandant?
Hektor Schweig!
Ich bin es der hier befiehlt!
1. Matrose Ihr
befehlt schlecht. Wir, die Seeleute des Paris, dulden
dies
nicht länger. Ich will erzählen, wie er es mit eurer
Königin
trieb!
2. Matrose Bravo!
Erzähle!
1. Matrose Paris
opfert sich auf Befehl seines Bruders. Ich
war
Deckoffizier. Ich habe alles gesehen.
Hektor Du
hast nicht richtig gesehen!
1. Matrose Olpides,
komm her zu mir! – Er hat nämlich im Mastkorb
gesessen.
Er hat alles von oben gesehen. Ich aber habe
auf
der Stiege gestanden, die in den Schiffsraum führt.
Mein
Kopf reichte gerade bis zum Deck.
Soll
ich reden, Trojaner?
Hektor Du
schweigst!
2. Matrose (Stimmen) Nein, sprechen! Er soll sprechen!
1. Matrose Sie
waren kaum zwei Minuten an Bord, nicht wahr, Olpides?
2. Matrose Gerade
nur lang genug, um die Königin abzutrocknen und
ihr
den Scheitel zu ziehen. Ihr könnt euch vorstellen,
wie
gut ich von oben den Scheitel der Königin gesehen
habe.
Von der Stirne bis zum Nacken!
1. Matrose Und
er hat alle in den Schiffsraum hinuntergeschickt.
Uns
zwei ausgenommen, die er nicht gesehen hatte …
2. Matrose Das
Schiff trieb nordwärts. Es war windstill. Die Segel
hingen
schlaff herab…
1. Matrose Und
von meinem Versteck aus, von wo ich gerade nur
die
Form eines einzigen Körpers hätte sehen sollen,
sah
ich deren zwei. Zwei Scheiben Brot, übereinander.
Die
eine von Roggen, die andere von Weizen … Brote,
die
im Ofen buken und aufgingen: ein richtiges Backen war’s.
2. Matrose Und
ich von oben herab habe oft nur einen einzigen
Körper
gesehen statt zwei. Bald weiß, wie der
Marsgast sagt, bald goldbraun. Mit vier Armen und vier
Beinen
…
1. Matrose Und
nicht nur wir haben die beiden gesehen, Priamos.
Vom
letzten Schiffsjungen bis zum
ersten
Offizier sind wir alle durch die Luken gekrochen,
und
alle, an den Rumpf des Schiffes geklammert, schauten
wir
über die Reling. Das ganze Schiff war ein einziges Auge…
2. Matrose …
um die Liebesszene anzuschauen.
Odysseus So
steht es, Hektor!
Hektor Schweigt!
Alle!
Alle Iris!
Iris!
(Iris erscheint)
Paris Schickt
dich Aphrodite?
Iris Ja,
Aphrodite gibt euch durch mich kund,
dass
die Liebe die Welt regiert. Dass alles, was um die
Liebe
kreist, ob es auch Lüge ist, Geiz oder Wollust,
geheiligt
ist; dass sie jeden Liebenden unter ihren
Schutz
nimmt, vom König bis zum Hirten, und ach den
Kuppler.
Ich sage ausdrücklich: Kuppler! Wenn einer
von
ihnen hier unter euch weilt, sei er gegrüßt. Und
Aphrodite
verbietet euch beiden, dir, Hektor, und dir,
Odysseus,
Paris von Helena zu trennen. Widrigenfalls
es
einen Krieg gibt.
Paris Danke,
Iris!
Hektor Und
von Athena keine Botschaft?
Iris Ja,
Athena trägt mir auf, euch zu sagen, dass die Vernunft
regiert.
Jeder Verliebte, lässt sie euch sagen,
ist
unvernünftig. Sie verlangt, ihr sollt sagen, ob
es
etwas Dümmeres gibt als den Hahn auf der Henne oder
die
Fliege auf der Fliege. Mehr will sie nicht darüber
sagen.
Und sie befiehlt dir, Hektor, und dir, Odysseus,
Helena
von diesem geschniegelten Paris zu trennen.
Widrigenfalls
es Krieg geben wird…
Hektor (und die Frauen) Danke, Iris.
Priamos Mein
Sohn, es ist weder Aphrodite noch Athena, die die
Welt
regiert. Was befiehlt uns Zeus in dieser Unsicherheit?
Iris Zeus,
der Herrscher über alle Götter, lässt euch sagen,
dass
die, welche überall in der Welt nur die Liebe sehen,
ebenso
dumm sind wie die, welche sie nicht sehen. Die
wahre
Weisheit, lässt Zeus, der Herr über alle Götter, euch
sagen,
ist bald die Liebe, bald die Keuschheit. Darum
verlässt
er sich auf Hektor und auf Odysseus, dass man
Helena
von Paris trennt, ohne sie dabei zu trennen. Er
befielt
allen anderen, sich zu entfernen und die Unterhändler
allein
zu lassen. Und diese haben es fertig zu bringen,
dass
der Krieg vermieden wird. Oder aber: er
schwört
es euch – und er hat noch niemals eine leere
Drohung
ausgesprochen – dass es Krieg geben wird.
Hektor Ich
stehe euch zur Verfügung, Odysseus.
Odysseus Ich
stehe zur Verfügung, Hektor.
Hektor Und
nun beginnt der eigentliche Kampf, Odysseus.
Odysseus Der
Kampf, aus dem der Krieg hervorgehen oder nicht
hervorgehen
wird.
Hektor Wird
es Krieg geben?
Odysseus Eher
ein Kampf der Gewichte, glaube ich. Es sieht
wirklich
so aus, als ob ein jeder von uns auf einer
Waagschale
stände. Das Gewicht entscheidet…
Hektor Mein
Gewicht? Was ich wiege, Odysseus? Ich wiege, was
ein
junger Mann wiegt, eine junge Frau, ein werdendes
Kind.
Ich wiege, was die Freude am Leben wiegt, der
Glaube
an das Leben, der Aufschwung zu allem, was recht
und
natürlich ist.
Odysseus Was
ich wiege, ist der gereifte Mann, die Frau von dreißig
Jahren,
der Sohn Telemachos, dessen Wachstum ich
jeden
Monat in den Türpfosten unseres Palastes einkerbe.
Ich
wiege die Wollust zu leben, aber auch das Misstrauen
gegen
das Leben.
Hektor Ich
wiege, was die Jagd, der Mut, die Liebe, die
Treue
wiegt.
Odysseus Und
ich – was die Vorsicht gegenüber den Göttern,
den
Menschen, den Dingen wiegt.
Hektor In meine Waagschale kommt noch
die phrygische Eiche.
Odysseus In die meine – der Olivenbaum!
Hektor In die meine der Falke! Ich kann
geraden Blickes
in die Sonne sehen.
Odysseus In die meine die Eule.
Hektor Ich
wiege, was ein ganzes Volk gutmütiger Bauern,
emsiger
Handwerker wiegt, Tausende von Pflügen,
Webstühlen,
Schmiedestätten…
Odysseus Ich
wiege, was jene unverbindliche und unerbittliche
Luft
unseres Archipels und unserer Küste wiegt.
Hektor Wozu
noch mehr? die Schale neigt sich.
Odysseus Auf
meine Seite? Ja … ich glaube es.
Hektor Und
Ihr wollt den Krieg?
Odysseus Ich
will ihn nicht. Seiner eigenen Absichten aber
bin
ich mir nicht so sicher.
Hektor Unsere
Völker haben uns beide hierher beschieden,
den
Krieg abzuwenden. Unsere Begegnung allein ist schon der
Beweis,
dass nicht alles verloren ist.
Odysseus Am
Vorabend eines Krieges pflegen zwei führende
Staatsmänner
von zwei im Streit befindlichen Völkern am Ufer
eines
Sees oder in der Ecke eines Gartens zusammen zu
treffen.
Ab und zu weht eine leichte Brise. Und sie
sind
einer Meinung, dass der Krieg die ärgste Geißel
der
Welt ist. Und beide sind friedlich, bescheiden,
loyal. Sie beobachten einander. Sie sehen sich an. Von der
Sonne
durchwärmt, von dem hellen Landwein weich
gestimmt,
entdeckt keiner in dem Gesicht vor ihm einen
einzigen
Zug, der hassenswert, einen einzigen, der nicht
liebenswert
wäre! Nichts Unverträgliches
in ihren Sprachen,
in ihrer Art, sich die
Nase zu reiben oder zu trinken. Und
sie
sind vom Frieden wie von Friedenswünschen wirklich
erfüllt
… Sie scheiden mit einem Händedruck und fühlen
sich
als Brüder … Und am nächsten Tag bricht dennoch der
Krieg
aus … So steht es auch jetzt mit uns beiden! …
Unsere
Völker haben uns die Vollmacht gegeben und uns
allein
gelassen, damit wir über die Katastrophe hinweg
der
Brüderlichkeit unseres Feindes desto besser innewerden.
Genießen
wir sie. Sie ist ein Gericht für Feinschmecker.
Kosten
wir es aus … Das ist aber auch alles.
Es
ist das Privileg der Großen, die Katastrophen von
einer
Terrasse aus zu überblicken.
Hektor Ist
es ein Gespräch von Feinden, das wir da führen?
Odysseus Es
ist ein Duett vor dem Einsatz des Orchesters! Das
Duett
der Solisten, ehe der Krieg ausbricht. Weil wir
von
Natur vernünftig, gerecht und höflich sind, sprechen
wir
miteinander eine Stunde vor dem Kriege, wie wir es
lange
nach dem Krieg als einstige Frontkämpfer tun werden.
Vor
der schlacht selber versöhnen wir uns. Es ist immerhin
etwas.
Mag sein, dass wir unrecht
haben. Wenn einer
von uns den anderen
eines Tages töten und ihm dann
das Visier vom Gesicht
reißen wird, um sein Opfer zu
erkennen, mag sein, es
wäre besser, er würde nicht in das
Gesicht eines Bruders
blicken … Doch das Weltall weiß:
wir
werden uns schlagen.
Hektor Es
kann sich irren. Man erkennt den Irrtum daran, dass
alle
Welt ihn teilt.
Odysseus Hoffen
wir’s. Wenn sich aber das Schicksal seit Jahren
zwei
Völker ausersah, wenn es
beiden dieselbe Anwartschaft
auf erfinderischen Geist
und auf Vorherrschaft eröffnet,
so
weiß das Weltall wohl, dass es hiermit den
Menschen
nicht zweierlei Farben und Entwicklungsarten
zudachte,
sondern sich sein Festspiel vorbehielt: das
der
Entfesselung jenes menschlichen
Irrsinns, aus der
allein
die Götter Zuversicht schöpfen.
Hektor Und
Troja und Griechenland hat es sich diesmal ausersehen?
Odysseus Heute
früh habe ich noch daran gezweifelt. Seitdem ich
aber
den Fuß auf euren Boden gesetzt habe, bin ich
dessen
gewiss.
Hektor Fühltet
ihr euch in Feindesland?
Odysseus Warum
immer auf das Wort „Feind“ zurückkommen? Muss
es
euch nochmals gesagt werden: nicht die wirklichen
Feinde
bekriegen sich. Schlagen werden sich die, welche
das
Schicksal für ein und denselben Kampf geschult
und
ausgestattet hat: die werden dann zu Gegnern.
Hektor So
wären wir reif für den griechischen Krieg?
Odysseus Bis
zu einem unheimlichen Grade. Wie die Insekten von
der
Natur, die ihren Kampf voraussieht, mit Angriffs-
und
Abwehrwaffen versehen werden, so haben auch wir
uns
im voraus, ohne uns zu kennen, ohne es zu ahnen,
zur
Bereitschaft für unseren Krieg erzogen. Bis zu den
geringsten Einzelheiten.
Alles an unseren Waffen und
unseren Gewohnheiten
greift ineinander wie Zahnräder
an einer Maschine. Es ist nichts zu machen! Ihr steht
im
Zeichen des griechischen Krieges.
Hektor Und
es denken auch die anderen Griechen wie ihr?
Odysseus Was
sie denken, ist nicht weniger beunruhigend. Was
die
anderen Griechen denken, ist, dass Troja reich ist,
seine Speicher strotzend,
seine Ländereien fruchtbar
sind.
Es ist unvorsichtig von euch, allzu goldene
Götter
und Gemüse zu haben.
Hektor Endlich
ein offenes Wort… Griechenland hat uns
zu
seiner Beute erkoren. Wozu da noch eine
Kriegserklärung?
Es wäre einfacher gewesen, meine
Abwesenheit
zu nützen, und Troja zu überfallen. Es wäre euch
ohne
Schwertstreich in die Hände gefallen.
Odysseus Um
den Krieg zu fördern, bedarf es einer gewissen
allgemeinen
Geneigtheit, die von einer entsprechenden
Atmosphäre,
Akustik und einer jeweiligen Stimmung in
der
Welt abhängt… Einen Krieg zu unternehmen ohne
diese
Voraussetzungen, wäre Wahnsinn. Wir hatten sie nicht.
Hektor Und
jetzt habt ihr sie?
Odysseus Ich
glaube – ja.
Hektor Wer in der Welt ist so stark
gegen uns eingenommen?
Troja wir seiner
Humanität, seines Gerechtigkeitssinnes,
seiner Künste wegen
gerühmt.
Odysseus Nicht durch Verbrechen gelangt ein
Volk seinem
Schicksal gegenüber in eine
schiefe Lage, sondern
durch seine Fehler.
Seine Armee ist mächtig, seine
Kassen sind gefüllt,
seine Dichter in voller Tätigkeit.
Eines Tages aber – wer
weiß warum – weil seine
Bürger böswillig Wälder
abholzen, sein Fürst garstig
eine Frau entführt,
seine Kinder dumme Streiche machen,
eines Tages ist es
verloren. Die Nationen so gut wie
die Menschen gehen an
unmerklichen Verstößen zugrunde.
Wahrscheinlich habt ihr
Helena auf die unrichtige Weise
entführt.
Hektor Wir geben euch Helena zurück.
Odysseus Der Frevel am Schicksal wird durch
die Rückgabe nicht gesühnt.
Hektor Die
Entscheidung ist also gefallen, Odysseus! So sei
denn
Krieg! Übrigens, je mehr ich ihn hasse, desto
stärker
wächst in mir ein unwiderstehlicher Drang
zu
töten… Verlasst Troja, da ihr nicht zu mir steht.
Odysseus Begreift
doch, Hektor… Ich stehe zu Euch. Verargt
es
mir nicht, dass ich das Schicksal deute. Ich wollte
nur in jenen großen
Linien lesen, die die Straßen der
Karawanen, die Wege der
Schiffe, der Zug der Kraniche
und der Rassen in das
Bild der Welt eintragen. Gebt
mir Eure Hand. Auch sie hat
ihre Linien. Aber forschen
wir nicht, ob sie das
gleiche aussagen. Ich bin
neugierig von Natur und
kenne keine Furcht. Ich will gern
dem Schicksal
entgegenhandeln. Gebt mir Helena. Ich
werde
sie Menelaos zurückführen. Ich verfüge über
viel
mehr Beredsamkeit, als nötig ist, um einen Gatten
von
der Tugend seiner Frau zu überzeugen. Ja! Ich werde
Helena
sogar dazu bringen, selbst an ihre Tugend zu
glauben.
Und ich breche sofort auf, um jeden Überfall
zu
vermeiden. Sind wir erst auf dem Schiff, dann
gelingt
es uns vielleicht, den Krieg zu vereiteln.
Hektor Ist
das die List des Odysseus oder seine Größe?
Odysseus Ich
suche in diesem Augenblick das Schicksal zu überlisten
und
nicht euch. Hektor, ich spreche offen…
Wenn
ich den Krieg wollte, dann würde ich nicht
Helena
von euch fordern, sondern ein anderes Pfand,
das
euch teurer ist … Ich gehe. Aber ich kann mich
des
Gefühles nicht erwehren, dass er gar weit ist, der
Weg,
der von dieser Stelle bis zu meinem Schiffe führt.
Hektor Meine Wache geleitet Euch.
Odysseus Weit ist er wie die offizielle
Rundfahrt der auf Besuch
weilenden Monarchen,
wenn das Attentat droht… Wo
halten sich die
Verschwörer verborgen? Heil uns! Wenn
es nicht im Himmel
selbst ist … Mut … Vorwärts!
Hektor Dank,
Odysseus! (Meine Wache geleitet Euch.)
Odysseus Der erste Schritt ist getan … Wie
viele bleiben ihrer noch?
Hektor Vierhundertsechzig.
Odysseus Zum zweiten! Ihr wisst, warum
ich mich zu gehen
entschließe,
Hektor?
Hektor Ich
weiß es. Aus Edelmut.
Odysseus Nicht
ganz! Andromache hat den gleichen
Augenaufschlag
wie Penelope.
(Odysseus ab)
Hektor Du
warst zugegen, Andromache?
Andromache Halte
mich, ich kann nicht mehr!
Hektor Du
hast zugehört?
Andromache Ja.
Ich bin am Ende.
Hektor Du
siehst, dass wir nicht verzweifeln müssen…
Andromache Nicht
an uns vielleicht – an der Welt, ja…
Dieser
Mann ist furchtbar … Das Elend der ganzen
Welt
ist über mir
Odysseus Noch
eine Minute … und Odysseus ist an Bord…
Er
geht schnell. Man sieht von hier aus ihn und sein Gefolge.
Jetzt
ist er schon bei den Brunnen.
Was
hast du?
Andromache Ich
habe nicht mehr die Kraft zu hören. Ich halte mir
die
Ohren zu. Ich nehme meine Hände nicht weg,
ehe
unser Schicksal entschieden ist…
Hektor Hole Helena, Kassandra.
(Ajas kommt, vollständig betrunken. Er sieht
Andromache
auf der Bank sitzend.
Steht hinter ihr.)
Kassandra Odysseus
erwartet euch an Bord, Ajas! Dort führt man
euch
Helena zu.
Ajas Helena?
Helena kann mir gestohlen werden. Die dort
will
ich in den Armen halten.
Kassandra Fort
mit dir, Ajas! Das ist die Gattin des Hektor.
Ajas Die
Gattin des Hektor! Bravo! Den Frauen meiner Freunde,
meiner
wahren Freunde, habe ich immer den Vorzug gegeben!
Kassandra Odysseus
ist schon auf halbem Wege. Geht!
Ajas Nichts
für ungut. Sie hält sich die Ohren zu. Ich kann
ihr
also sagen, da sie nicht hören wird. Wenn ich sie
anfassen,
sie küssen würde – dann freilich! Aber Worte,
die
man nicht hört! … Nichts, was ungefährlicher wäre.
Kassandra Nichts
könnte gefährlicher sein. Geht, Ajas!
Ajas (während Kassandra ihn daran zu hindern
sucht, sich
Andromache zu nähern)
Glaubst
du? Dann aber… warum sie nicht anfassen?
Sie
umarmen? Sittsam natürlich! Immer sittsam die
Frauen
der wahren Freunde. Du, was ist das Keuscheste
an
deiner Frau, Hektor? Ich werde dir sagen, Hektor,
was
ich immer am keuschesten an der Frau gefunden habe
…
Ich komme! Ich komme! Lebt wohl.
(er geht)
Demokos (stürzt herbei)
Feigling!
Feigling! Du gibst Helena zurück, Trojaner!
Zu
den Waffen! Man verrät uns! Sammelt euch! …
Und
eure Kriegshymne ist bereit! Hört sie!
Hektor Da!
Für deine Kriegshymne!
(Er stößt ihm von hinten den Speer in den
Rücken)
Demokos (stürzt zu Boden)
Er
hat mich getötet!
Hektor Kein
Krieg in Troja, Andromache!
Abneos Man
hat Demokos ermordet! Wer hat Demokos ermordet?
Demokos Wer
mich getötet hat? … Ajas … Ajas … Tötet ihn!
Abneos Tötet
Ajas.
Hektor Er
lügt! Ich bin es, der ihn niederstieß.
Demokos Nein,
es ist Ajas…
Hektor Demokos!
Gestehe, dass ich es war! Gesteh, ehe du stirbst!
Demokos Nein,
teurer Hektor! Mein einzig teurer Hektor.
Es
ist Ajas! Tötet den Ajas!
(er stirbt)
Kassandra Er
stirbt, wie er gelebt hat: krächzend.
Abneos Seht!
… Sie halten den Ajas!... Ah!
Sie
haben ihn erschlagen!
Hektor (macht die Hände Andromaches frei)
Krieg
in Troja!
Kassandra Der
trojanische Dichter ist tot… Der Dichter der
Griechen
hat das Wort.
Ende